Museum | Saarland Museum, Moderne Galerie

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Into the Dark
 - Grafik von Ensor bis Munch

Into the Dark
Grafik von Ensor bis Munch

20.09.2025 – 04.01.2026

Moderne Galerie
Stiftung Saarländischer Kulturbesitz


Into the Dark

Angst, Verzweiflung, Eifersucht, Trauer, Entsetzen: Dunkle Gefühle gehören zum Menschsein – und bleiben dennoch oft im Verborgenen. Gerade diese Emotionen sind seit jeher eine Triebfeder künstlerischen Schaffens. Die Ausstellung widmet sich diesem Thema und zeigt ca. 100 Arbeiten aus den Beständen der Grafischen Sammlung sowie bedeutende Leihgaben der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.
Zentrale Werke von Otto Dix, James Ensor, Vincent van Gogh, Käthe Kollwitz, Alfred Kubin und Edvard Munch verdeutlichen, wie Künstlerinnen und Künstler um 1900 das Abgründige, Verbogene und Negative, menschliche Schwächen und gesellschaftliche Missstände ins Bild brachten. Besonders hervorzuheben ist der Munch-Bestand des Saarlandmuseums, der erstmals in seiner Gesamtheit präsentiert wird.
„In der Ausstellung geht es uns um die unmittelbare emotionale Kraft von Linien, Kontrasten, Reduktion – und darum, wie Papier zu einem Resonanzraum für das Unsagbare wird. Das Dunkle, Abgründige, Verborgene ist nicht düster im klischeehaften Sinne – es ist menschlich, lebendig, tief. Mit Künstlerinnen und Künstlern wie Ensor, Klinger, Kollwitz, Kubin und Munch zeigen wir, dass grafische Arbeiten eine enorme emotionale Wucht entfalten können. Viele dieser Werke sprechen uns heute mehr denn je an – weil sie uns nicht verschonen, sondern berühren.“ Lisa Felicitas Mattheis, Kunst- und kulturwissenschaftliche Vorständin der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz.
Die Ausstellung folgt einem Gedanken von Max Klinger, der bereits 1891 forderte, der „dunklen Seite des Lebens“ in der Kunst Raum zu geben. Klinger sah gerade in der Grafik das geeignetste Mittel, um jene Gefühle sichtbar zu machen, die wir zwar oft unterdrücken wollen, die uns aber tief im Innersten betreffen und bisweilen unaufhaltsam an die Oberfläche drängen. Into the Dark lädt dazu ein, diese dunkle Seite nicht zu meiden, sondern als Teil menschlicher Erfahrung zu begreifen.
In acht Kapiteln zeigt die Ausstellung, wie Künstlerinnen und Künstler der modernen Grafik dem Dunklen Gestalt verleihen: Verborgene Gefühle, Unruhe, Drang, Anziehung, Verlorenheit, Entsetzen, Verbundenheit, Nachtseite.
Die folgenden Kapitel eröffnen unterschiedliche Perspektiven auf persönliche und existentielle Erfahrungen, zeigen erotische Darstellungen von Agonie und Tod ebenso wie gesellschaftskritische Bildwelten zu Gewalt und Ungerechtigkeit – etwa in den grafischen Folgen von Käthe Kollwitz und Otto Dix. Ein besonderer Höhepunkt ist die Folge Opus VI, Ein Handschuh von Max Klinger, eine Leihgabe der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, die vollständig präsentiert wird.

Verborgene Gefühle
Was verbirgt sich unter der Oberfläche – in uns selbst und in anderen –, das wir lieber nicht zeigen? Oft sind es gerade diese unerkannten Tiefen, die Menschen aus dem Gleichgewicht bringen. Was also halten wir zurück? Wovon wenden wir den Blick ab?
„Im Inneren von uns ist das Gleichgewicht verborgen; machen wir uns auf die Suche.“ Dieser Satz von Alfred Kubin aus dem Jahr 1916 erinnert an den klassischen Spruch „Erkenne dich selbst!“, der am Eingang des Orakels von Delphi zu lesen war – einer berühmten Kultstätte der griechischen Antike. Er klingt wie ein Aufruf zur Selbsterkundung. Ganz in diesem Sinne richteten viele Künstlerinnen und Künstler um 1900 den Blick nach innen und kehrten dieses Innere nach außen – mit Darstellungen verbotener Impulse, wie etwa Gewalt bei James Ensor oder erotische Lust bei Félicien Rops.

Unruhe
Das Interieur gilt oft als Ort der Geborgenheit und Zuflucht. Doch auch dieser vermeintlich geschützte Raum birgt seine eigenen Schatten. Gespenster und Dämonen treiben ihr Unwesen in der Nacht, im Schutz der Dunkelheit. Als im 19. Jahrhundert erst das Gas, dann das elektrische Licht die Nächte heller machten, verschwanden mit der Finsternis auch die alten Dämonen, Hexen und Gespenster – und machten Platz für neue Ängste. Diese lauern heimlich im Inneren und bleiben nach außen meist verborgen.
Künstlerinnen und Künstler wie Käthe Kollwitz und Max Beckmann zeigen Szenen des nächtlichen Zusammenseins. Alleine zu sein scheint wenig verlockend, besonders wenn eine diffuse Unruhe im Raum aufsteigt, irgendwo zwischen Sehnsucht und Schwermut. Diese Unruhe findet sich nicht nur in der Nacht, sondern auch in unserem Inneren. Gefühle bleiben oft verborgen, werden jedoch in Posen, Gesten und Gesichtsausdrücken sichtbar.

Drang
Wer sich dem Traum zuwendet, sucht darin meist mehr als nur das Abgründige – bedrohliche Bilder oder seltsame Szenen. Um 1900 galt der Traum als ein Weg zum Innersten des Menschen. Sigmund Freud nannte ihn die „Via regia“ zum Unbewussten“.
Max Klingers Radierfolge Opus VI, Ein Handschuh ist selbst eine Art Traumerfahrung. Erste Zeichnungen dazu stellte er 1878 in Berlin unter dem Titel Phantasien über einen gefundenen Handschuh, der Dame, die ihn verlor gewidmet aus. Wenig später übertrug er sie auf Kupferplatten. 1881 erschien die Radierfassung.
Das erste Blatt (Ort) zeigt einen Ausflug zu einer Rollschuhbahn in Berlin. Am linken Bildrand ist Klinger selbst zu erkennen. Im zweiten Blatt (Handlung) wird der Verlust und Fund des Handschuhs erzählt – daraus entwickelt sich eine Folge traumartiger, teils alptraumhafter Szenen. Der Handschuh tritt an die Stelle der Dame, die ihn verloren hat. Um ihn kreisen nun Wünsche, Fantasien und Ängste – im Reich des Unbewussten und Unkontrollierbaren.

Anziehung
Liebe kann hell und dunkel zugleich sein. Sie macht glücklich – kann aber auch ins Negative kippen, wenn Abhängigkeit, Macht oder Not das Begehren durchdringen. In der Ausstellung geht es um den Konflikt zwischen Lust und Bindung einerseits und Zerstörung und Auflösung andererseits.
Dieses Spannungsfeld spiegelt sich in der Kunst oft in der Gestalt der Femme fatale – einer verführerischen Frau, die Männer betört und zugleich bedroht. Beispiele sind Alfred Kubins Salome und Lovis Corinths Judith. Salome war die Tänzerin, die vom König Herodes den Kopf von Johannes dem Täufer forderte, Judith hingegen erschlug den betrunkenen Feldherrn Holofernes.
Frauen werden in solchen Darstellungen häufig zur Projektionsfläche männlicher Ängste. Gleichzeitig zeigen die Werke um 1900 die Spannungen der Gesellschaft: Traditionelle Moral, bürgerliche Rollenbilder und erste Frauenbewegungen prallten aufeinander. Weibliche Verführung erscheint oft als Machtmittel im „Kampf der Geschlechter“. Wer hier tatsächlich die Macht ausübt, ist jedoch nicht immer eindeutig.

Verlorenheit
Was geschieht, wenn das Alleinsein nicht selbst gewählt ist, sondern unausweichlich? Wenn es nicht nur eine vorübergehende Phase ist, sondern eine tiefgreifende Verlorenheit, der man nicht entkommen kann?
Alfred Kubin – Zeichner, Illustrator und Autor – widmete sich den dunklen Seiten des menschlichen Daseins: dem Unbewussten, den Träumen, inneren Abgründen, aber auch Gewalt, Krieg, Seuchen und Zerstörung. Als er 1902 eine Auswahl seiner Federzeichnungen im Berliner Salon Cassirer zeigte, rief das sowohl Entrüstung als auch Bewunderung hervor. Die Szenen waren brutal, erschütternd – und in aller Deutlichkeit gezeigt.
In der Ausstellung ist die Weber-Mappe zu sehen – eine Sammlung von 15 Reproduktionen nach Federzeichnungen Kubins, herausgegeben 1903 von Hans von Weber. Haltlosigkeit, Einsamkeit und Ausgeliefertsein prägen die fahle Hell-Dunkel-Welt dieser Bilder – eine Welt ohne Ausweg. Und doch liegt in ihnen auch eine eigentümliche Faszination. Kubin selbst schrieb: „Tiefer erblicke ich das Wunder, dass das Grauen herrlich ist, dass der Abgrund ewig verlockend ist.“

Entsetzen
Max Klinger plädiert in seiner Schrift Malerei und Zeichnung (1891) dafür, Zeichnung und Druckgrafik als Mittel der Kritik einzusetzen. Sie führen uns vor Augen: „so sollte die Welt nicht sein!“ So greift Käthe Kollwitz in ihrer Radierfolge Bauernkrieg Ereignisse aus dem Bauernaufstand im 16. Jahrhundert auf – ein damals beliebtes Motiv im sozialdemokratischen Umfeld von Kollwitz. Sie zeigt, wie das Landvolk den Aufstand probt und letztlich unterliegt. Die Kunstschaffenden in diesem Raum beobachten die Welt genau.

Verbundenheit
Selten sind die hier gezeigten Selbstbildnisse von Künstler*innen von Harmonie und Leichtigkeit geprägt. Stattdessen spiegeln ihre Bilder eine Verbindung zur dunklen Seite des eigenen Ichs. Max Beckmann sieht sich immer wieder im Spiegel. Diese Selbstbefragung begleitet sein Werk und ist typisch für eine Zeit voller Ängsten, innerer Zerrissenheit und gesellschaftlichen Unruhen. Gleichzeitig knüpft sie an eine lange Tradition an, in der Kunstschaffende ihre Identität und künstlerische Position im Spiegelbild hinterfragen. Viele Werke zeigen das Gefühl der Wiederkehr des Immergleichen – wie der Tod, der als unausweichliche Konstante präsent ist. In Edvard Munchs Selbstbildnis ist der Tod nicht nur Bedrohung, sondern auch ständige Präsenz. Der schwarze Hintergrund scheint ihn fast zu verschlingen.

Nachtseite
Die Vorstellung, dass es eine verborgene Rückseite der Dinge gibt, muss nicht beunruhigen. Sie weist auf eine Dimension der Welt, die jenseits der sichtbaren Oberfläche liegt – im Bereich des Mehrdeutigen, Instabilen und Unheimlichen. Anstatt nur Angst zu wecken, eröffnet sie den Blick auf innere, tiefe Schichten der Wirklichkeit. Bereits in der Romantik wandten sich Autorinnen und Autoren wie E.T.A. Hoffmann der Nachtseite zu. Im späten 19. Jahrhundert griffen Kunstschaffende diese Impulse erneut auf. Besonders im Symbolismus ging es darum, das Traumhafte und Visionäre sichtbar zu machen – etwa in den geheimnisvollen Bildwelten von Odilon Redon.
Auch der Zeichner und Schriftsteller Alfred Kubin zeigt in seinen Arbeiten eine „andere Seite“ der Wirklichkeit. In seinem phantastischen Roman Die andere Seite (1909) beschreibt er eine innere Erfahrung so: „Fast im gleichen Moment spürte ich, wie sich dumpfe, unermessliche Kräfte in mir regten. Das ging alles irgendwo im Tiefen vor sich, an der Oberfläche meines Bewusstseins war ich empört über mich selbst.“ Solche Bilder latenter Kräfte lenken den Blick auf das nicht unmittelbar Sichtbare – auf jenes, das erst hervortritt, wenn sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben.

Kuratorin
Dr. Jane Schmidt-Boddy


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